Im Mittelalter galt Zucker in Europa als eine kostbare Medizin. Zucker war unendlich teuer, denn es gab fast niemals welchen.
Das lag daran, dass Zucker damals nur aus Zuckerrohr hergestellt werden konnte. Und Zuckerrohr wuchs nur in Indien. Zucker galt damals also als ein indisches Gewürz.
Vieles, was es damals in Indien gab, war in Europa viel wert. Doch Indien war weit weg. Der Transport von Waren von dort war sehr teuer. Und so schien es eine gute Idee zu sein, einen Seeweg nach Indien zu suchen. Und zwar indem man einmal um die Welt herumsegelte.

1492 brach Christopher Columbus auf, um genau das zu versuchen. Doch bekanntlich stieß er auf halbem Wege nach Indien auf etwas ganz anderes, das dazwischen lag, nämlich auf Amerika, genauer gesagt auf die Inseln der Karibik, die deshalb auch die westindischen Inseln genannt wurden.
Weil Christopher Columbus und seine Geldgeber ja aber eigentlich den Seeweg nach Indien finden wollten, und zwar aus geschäftlichen Gründen, lag ihnen einiges daran zu beweisen, dass die westindischen Inseln genauso gut waren wie Indien. Auf seiner zweiten Reise dorthin nahm Christopher Columbus daher die Setzlinge einiger Zuckerrohrpflanzen aus Indien mit. Und siehe da – sie wuchsen in der Karibik ganz prächtig an und vermehrten sich rasch. Erste Zuckerrohrplantagen entstanden. Der dort produzierte Zucker wurde nach Europa verschifft und alle Adeligen Europas, die ihn probierten, wollten natürlich sofort mehr davon. Um so viel Zucker zu produzieren, gab es in der Karibik allerdings nicht genug Menschen, die man als billige Arbeitskräfte auf den Zuckerplantagen hätte einsetzen können. Da kamen die europäischen Kaufleute auf eine verdammt üble Idee: Sie verschleppten tausende und abertausende Menschen aus Westafrika auf die karibischen Inseln und ließen sie dort als Sklaven auf den Zuckerrohrplantagen schuften. Mit dem produzierten Zucker machten sie in Europa ein Wahnsinnsgeschäft. Sie wurden unfassbar reich und hatten genug Geld, um immer noch mehr Plantagen anzulegen und immer noch mehr Menschen zu versklaven.

Allmählich gab es in Europa soviel Zucker, dass auch die armen Leute etwas davon abbekamen. Und siehe da, für eine Tasse heißen schwarzen Tee mit ordentlich Zucker darin, waren die armen Leute in Europa bereit, stundenlang in einer Fabrik zu arbeiten. So verdienten die europäischen Kaufleute noch mehr und konnten noch mehr Zuckerplantagen und Fabriken anlegen. Die Situation der Leute, die als Sklaven in der Karibik arbeiteten, und die Situation der Leute in Europa waren über den Zucker miteinander verknüpft und zugleich durch den Zucker voneinander getrennt.
Das änderte sich grundsätzlich erst im Jahr 1806. 1806 hatte der preußische König nämlich eines Tages genug davon, dass der Zucker, so ein wichtiges Nahrungsmittel, immer aus der Karibik importiert werden musste. Er gab seinen Wissenschaftlern den Auftrag, einen anderen Weg zu erfinden, wie Zucker produziert werden konnte. Die Herstellung von Zucker aus Rüben wurde erfunden. Seitdem kommt der meiste Zucker, den wir essen, aus Europa, aus unserer Nähe.

Nach 500 Jahren Zuckerwachstum nimmt der Konsum von purem Zucker seit ungefähr 20 Jahren erstmals wieder ab. Dem Geschäftsbericht des größten europäischen Zuckerproduzenten Südzucker zufolge, kann der Gewinnausfall, der dadurch entsteht allerdings dadurch aufgefangen werden, dass Südzucker seinen Zucker einfach immer öfter direkt an die Hersteller anderer Lebensmittel verkauft, zum Beispiel an Tiefkühlpizza- und Joghurthersteller. Wir essen also noch nicht wirklich weniger Zucker als früher, er ist nur besser verteilt.
In den letzten 50 Jahren hat die europäische Union übrigens viel Geld dafür ausgegeben, die europäische Zuckerproduktion zu unterstützen. Doch im September dieses Jahres soll mit der Zuckerförderung Schluss sein.
Im Gegenteil fordern heute viele Leute eine Zuckersteuer wegen der gesundheitlichen Schäden, die der Zucker verursacht. Andere wiederum sagen, dass arme Leute viel mehr Zucker essen, als reiche Leute. Eine Zuckersteuer würde daher die Armen viel mehr treffen als die Reichen.