Beitrag & Kommentar der Assistentin Eva

 

Als ich erfuhr, dass ich die Assistentin der Programmdirektor*innen der Fußballgruppe werden soll, war ich im ersten Moment nicht so begeistert: Ich interessiere mich eigentlich nicht besonders für Fußball. Außerdem dachte ich: „Einen Fussballstar einladen, das klappt doch eh nicht. Und selbst wenn es klappen sollte, heißt es nicht, dass die Show dann interessant ist.“

Ist eine Show allein durch die Anwesenheit eines berühmten Fußballspielers automatisch eine gute und spannende Show? Verdienen Fußballer eh nicht schon genug Geld? Andererseits ist Fußball natürlich eins der erfolgreichsten und beliebtesten Showgeschäfte überhaupt, und das ist spannend. Also gut, dann legt die Programmdirektion mal mit der Arbeit los.

Die Programmdirektor*innen verfassen Einladungsbriefe an beide bekannten Hamburger Fußballvereine HSV und FC St. Pauli: „Ob sie vielleicht einen ihrer Spieler ins Fundus-Theater schicken könnten am 23. März 2017. Es gäbe auch Geld, bis zu 900 €!“ Aber solche Anfragen bekommen die Vereine sehr sehr oft, sogar täglich. Uns wird schnell klar: Hier hilft kein Geldkoffer, kein besonders gutes Angebot, hier helfen nur Beziehungen. Zum Glück kennt Sibylle vom Forschungstheater zufällig jemanden vom FC St. Pauli und fragt auf dem nachbarschaftlichen Weg mal an, mit dem Ergebnis: „Ja, vielleicht...“ !!!
Wir fangen an zu warten und die Spannung steigt …
Um die Wartezeit zu nutzen, besuchen die Programmdirektor*innen das Millerntor-Stadion und nehmen die „Showbühne“ und das Showgeschäft des FC St. Pauli mal genau unter die Lupe: Den Backstagebereich, die Rasenbühne (darf nicht betreten werden, kostet 150.000 €) und die Zuschauerränge von unten bis ganz oben zu den teuren Plätzen (220 € mit Essen und Getränken). Die Spiele sind immer ausverkauft. Es fallen auch noch einige andere interessante Zahlen:

Während des Stadionbesuchs kommen wir alle mehr und mehr in Stimmung: Live ist Fußball bestimmt eine tolle Show. Die Programmdirektor*innen, unser Guide Alexander und ich fangen an, über die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede von Theater und Fußball nachzudenken. Als wir den Presseraum erreichen, stellen wir fest, dass das Mission Statement der Programmdirektor*innen sich nochmal gefestigt hat: Theater muss wie Fußball sein!

Zur Generalprobe wissen wir immer noch nicht, welchen Gast wir vom FC St. Pauli haben werden und ob es wirklich klappt. Aber wir haben ja gelernt: Die Show im Stadion machen nicht nur die Fußballer auf dem Rasen, sondern auch das Publikum. Also wollen wir doch mal sehen, ob die Stimmung im Theater nicht doch auch wie im Fußballstadion sein kann. Zu unserer Generalprobe kommt glücklicherweise Lucas, er ist Fan bei Ultrà St. Pauli und Vorsänger im Stadion. Lucas erzählt uns von der Fankultur und zeigt uns, wie das mit der Stimmung im Stadion funktioniert. Wir üben mit ihm Schlachtrufe und Fangesänge. Egal wie unsere Stimme klingt, Hauptsache wir sind laut, sagt er.

Am Tag vor der Show steht es dann endlich fest: Es kommt Johannes Flum, die Nummer 23, Mittelfeldspieler. Trotz seiner Verletzung jongliert er mit dem Ball und beantwortet dabei lässig die Fragen. Sowohl er als auch Lucas, der Vorsänger, wollen für ihren „Job“ in der Show kein Geld nehmen. Das Geld sollte lieber an Antirazzista, eine von vielen Arbeitsgruppen bei Ultrà Sankt Pauli, gespendet werden. Antirazzista sorgt z. B. dafür, dass geflüchtete Menschen aus Lagern und Unterkünften ins Stadion eingeladen werden, damit sie einen schönen Spieltag erleben und einfach mal Spaß haben können. Das passt zur Philosophie vom FC St. Pauli. Aber die Programmdirektor*innen haben Probleme, ihr Budget auszugeben, wenn alle auf ihr Honorar verzichten...

Rechnungswesen

Budget:
1000 €
Ausgaben:
817 € insgesamt
400 € das geplante Honorar für die Stargäste
90 € Stadionführung FC St. Pauli
250 € Requisiten

Unerwartete Ausgaben:
77 Euro Fahrtkosten der jungen Programmdirektor*innen
Fahrtkosten der Schüler werden normalerweise von den Eltern bzw. dem Schulverein gezahlt.

Unerwarteter Geldfluss:
Der Vorsänger Lucas und der Spieler J. Flum verzichten zugunsten von Antirazzista auf ihr Honorar in Höhe von 400 €.

183 Euro Restbudget spenden die Programmdirektor*innen an einen Verein, der Theaterbesuch- und Fahrtkosten für die Schulklassen bezuschusst bzw. übernimmt.

Armin Chodzinski

Ich gehöre ja auch zu denen die sagen, dass Fußball der letzte Ort ist, an dem die griechische Tragödie aufgeführt wird, sozusagen der Nukleus des Theaters. Aber der entscheidende Unterschied ist, dass man beim Fußball den Mut hat (FC Bayern mal ausgenommen), nicht zu wissen, was dabei herauskommt.

Beim Fußball weiß man nie, wer gewinnt, aber es gibt nur ganz wenig Theater, das sich darauf einlässt, am Ende nicht zu wissen, was dabei herauskommt.
Das meiste Theater hat einen Anfang, ein Mittelteil und ein Ende. Dass das Publikum bereit und in der Lage ist, das Ende und das Ergebnis zu beeinflussen, ist eine sehr spezielle Eigenschaft von Fußball doch es gibt auch Theater, das vielleicht nicht die gleiche Lautstärke aber doch eine ähnliche Stimmung hat.